Wie kommt man auf die Idee, eine Roman-Figur über „von-oben-nach-unten“-Sätze, über „Fischstäbchen“-Sätze, über „Giebel“-Sätze nachdenken zu lassen, fragen RG und Rainer in ihren Kommentaren. Die erste Antwort ist: Ich weiß nicht immer, wie ich auf die Ideen in meinen Büchern komme, manchmal sind sie plötzlich da und fühlen sich zwangsläufig an, als hätte es etwas genau so gewollt.
Natürlich mache ich es den Ideen auch so leicht wie möglich, den Weg zu mir zu finden. David Ogilvy, einer der größten Werbe-Gurus der 60er und 70er Jahre, hat einmal gesagt: „Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, aber es ist gut, im Hühnerstall zu suchen.“ In diesem Fall ist der Hühnerstall der Kopf meines Romanhelden, denn in dem gehen Dinge vor, die vieles bestimmen. Der Satz „Scheiß was drauf“ kam nicht von Fabian, sondern von mir. Ich war in einer Phase meines Lebens und Schreibens, in der es nur noch mit dieser Einstellung weiterging. Scheiß was drauf, was alle von dir erwarten, von diesem Buch erwarten, was du davon erwartest! Streiche alle Erwartungen und schreib.
Dann aber musste es Fabians Satz werden. Ich wusste, dass ich vor dem Club anfangen wollte. Was fühlt er dort, wie ist das, wenn man in den angesagtesten Club will, bekannt für harte „Türpolitik“, ein Schwellenhüter, den man nicht erwartet hat, das Bewusstsein, dass man mit seinen Tics kaum ein Chance hat hinein zukommen… Was geht in Fabian vor? Schildere ich ihn gleich als hoffnungslos, jammernd, hilflos oder kann ich ihm etwas in die Hand (den Kopf geben), das zu seiner Situation passt, das sicher kein Lichtschwert oder ein Stein der Weisen ist, aber ein Werkzeug, sich in kritischen Situationen irgendwie zu behelfen.
Wenn er ein besonderes Verhältnis zu Wortwelten hat, einen besonderen Umgang mit Sprache hat, was tut ein junger Typ wie Fabian? Wie genau könnte ein Satz, könnten Worte ihm helfen, sich in den Griff zu kriegen. Indem er Strukturen schafft. Klare Muster, an denen sein Gehirn sich abarbeiten kann. Da ist die Idee, ich hatte das Korn gefunden. Es machte auch Spaß, auf diese Erkundungs-Tour zu gehen. Welche Art von Sätzen gibt es, wo lauern Fallen, wie charakterisiert Fabian andere Menschen über diese Besonderheit: Von Baby konnte ich mir nie einen guten Satz erhoffen, weil alle ihre Sätze immer gleich durchliefen. Sie boten mir nichts, absolut nichts, das meine Hirnwindungen austricksen konnte. Fischstäbchensätze, einer wie der andere, Normpressung, Abweichungen verboten, kein Gut, kein Böse. Paniert, kalt, innen hart.“
Für den Leser ist das nicht immer einfach, besonders am Anfang des Buches: „(…) Auf zwei Seiten sinniert Fabian über einen kurzen Satz, den er kurz vorher von Micro vor dem “Depot” aufgeschnappt hat: ‘Scheiß was drauf’. Was in Fabians Kopf da vorgeht, ist etwas komisch – und es dauert etwas, bis man als Leser kapiert, worum es hier geht (…)“, schreibt Ulf Cronenberg in seinem Blog Jugendbuchtipps und ich stimme ihm zu. Aber es war unvermeidlich, weil es in der von mir gewählten Erzählperspektive die Reise meiner Helden in deren gewohnter Welt beginnen lässt, wie es sonst nicht möglich gewesen wäre.
Schlagworte: David Ogilvy, Fischstäbchen, Huhn, Ideen, Korn, Literatur, Säzue, Schreiben, tourette, Wörter, Zwangsstörung, Zwänge
