outtakes. sandra.

By landeplatzderengel

Sandra, die Freundin oder besser: Ex-Freundin von Mirco, hatte in den ersten Entwürfen eine größere Rolle, mit einer eigenen dritten Perspektive. Ich hatte bereits ein komplettes Profil von ihr angelegt. Sie lebte zusammen mit ihrer Mutter in beengten Verhältnissen, sehnte sich nach Normalität, genau wie Fabian und Mirco, aber auf eine ganz andere Weise, auf den ersten Blick fast spießig. Ihre Übersetzung von Normalität heißt Zuverlässigkeit, Geborgenheit, Orientierung – all das, was ihre Mutter ihr nie gegeben hat. Mircos Träumereien von einer Zukunft decken sich in nichts mit ihrer Vorstellung einer realen Zukunft. Vielleicht ist sie nur mit ihm zusammen, um ihrer freakigen Mutter eins auszuwischen. Ein Macho wie Mirco ist dieser ein Dorn im Auge, gerade weil sie sich immer wieder selbst zu solchen Männern hingezogen fühlt…

Nach über 100 Manuskriptseiten erwies sich jedoch immer mehr die Geschichte zwischen den beiden Jungen als die tragende Säule des Buches. Ich machte die ultimative Probe und strich einfach sämtliche Abschnitte, die aus Sandras Sicht erzählt wurde und las den Rest. Es fehlte (bis auf ein paar Details) nichts. Ich fragte meinen Lektor, Stefan Wendel, dem ich diesen Teil des Manuskripts schon gegeben hatte. „Um ehrlich zu sein, sagte er, sie hatte auch keine wirkliche Stimme. Mirco und Fabian haben das, die reißen dich mit.“ Boing. Kill your darlings. Sandra war raus, jedenfalls als eigenständige Erzählperspektive.

Hier ein Schnipsel aus dieser ersten Phase des Schreibens, Sandra erzählt:

Etwas in meinem Rücken plärrte und schepperte als ich die Straße überquerte, aber ich verstand die Worte nicht. Sie drangen nicht durch, nichts konnte in diesem Moment den Weg zu mir finden. Ich hatte Angst, nackte pure Angst. Zum ersten Mal wusste ich überhaupt, was Angst ist. Mirco war Angst. Alles war Angst. Die Dunkelheit. Das Bushäuschen. Ich hatte Mirco schon oft aufbrausend erlebt, es war nicht die erste Prügelei, aber nicht so etwas, so etwas hatte ich noch nie in ihm gesehen. Die brutalen Schläge, die Tritte, die immer heftiger wurden und nur deshalb nicht mehr angerichtet hatten, weil er blind vor Wut war. Blinde Augen, angefüllt mit zornigen und verzweifelten Schreien hatten mich angestarrt, als ich ihn von Fabian weg zerrte. Ich hätte ihm helfen müssen, seine Aussage bestätigen, dass Fabian ihn provoziert hatte, ich hätte lügen müssen, bestätigen, dass es Notwehr war, der andere angefangen hatte. Ich wusste, was es für ihn bedeutete, wenn sie ihn einmal wirklich ins Gefängnis schicken würden. Was er noch nicht kannte an miesen Tricks, an kleinkarierten Betrügereien, an Abzocke, er würde es dort lernen und ein Musterschüler sein.
Ich blieb an der Ecke zur Sonnenstraße stehen. Wir waren nur hierher gezogen wegen dieses Straßennamens. Es war die unsonnigste Straße im ganzen Viertel, fast nur graue Fassaden soweit das Augen reichte, aber Mama musste unbedingt hierher. Nomen est omen. Aber ich war froh, dass wir endlich wieder in Deutschland waren, weg aus diesem Camp mit Freaks und keltischen Schamanen und Schmarotzern, die sich auf unsere Kosten eine Wampe anfraßen. Wahrscheinlich konnten wir uns nur in dieser heruntergekommenen Gegend überhaupt eine Wohnung leisten und Mama redete sich die Sache mit ihrem Kult des Sonnengottes und den ganzen Ritualen und Festen, die sie feierte, bloß schön. Auf jeden Fall ließen sich in unserer Wohnung keine kultischen Meetings zelebrieren und Platz für eine Kelten-WG war auch nicht.
Als ich in die Sonnenstraße einbog, huschte mir etwas über die Füße, wirbelte in einer Schlangenlinie um meine Beine herum und maunzte vorwurfsvoll. Ich begrüßte Kasimir, der sich sofort in den Zotteln meines Mantels festkrallte und mit zwei schnellen Zügen auf meine Schulter huschte. „Hat sie dich wieder vor die Tür gesetzt?“, flüsterte ich ihm zu und schmiegte meinen Kopf an sein feuchtes Fell. Sie hasste ihn, weil er schwarz und sie abergläubig war. Wahrscheinlich hoffte sie, dass er überfahren wurde oder ins Tierlabor kam, wenn sie ihn mitten in der Nacht auf die Straße setzte.
Der Kater war kein Freigänger. Er blieb immer bei mir oder in meinem Zimmer, er war der einzige Tiger, der sich sogar auf dem Weg zum Katzenklo verlaufen konnte. Ich nahm ihn von der Schulter, hockte mich auf die Stufen zum Eingang des Hauses mit der Nummer Zwei und legt ihn auf meine Oberschenkel. Sofort wälzte Kasi sich auf den Rücken und räkelte sich wohlig. Komm schon, krabbel’ mich am Bauch!, sollte das heißen, aber ich spürte wie die Kälte der regennassen Steinplatten an mir hoch zog. Auch der erste Tag im neuen Monat würde nicht den Frühling bringen, keine wärmende, aber noch sanfte Sonne, die die Knospen hervor lockte.
Ich nahm Kasimir auf den Arm und trug ihn die letzten Schritte nach Hause. Nach Hause. Endlich ein zu Hause, hatte ich gedacht, als wir hergezogen waren, endlich ein Haus und keine Camps oder Futonmatratzen, keine bekifften Gurus und kein Unterricht mehr von Frauen in wallenden Kleidern und grau durchsträhnten Mähnen, die längst keine Mähnen mehr waren, sondern schüttere Reste einer vergangen Pracht. Ich hatte schon zwei Jahre bevor es soweit war alle Mondbeschwörungen zur Linderung von Menstruationsbeschwerden beigebracht bekommen. Bei meinem Versuch, den Hauptschulabschluss nachzumachen half mir das nun wenig.
Als ich die Toreinfahrt zum Hinterhof durchquerte, hörte ich sie schon, die kehligen Laute, die beschwörenden Gesänge und das Klingen des Messinggongs, der sonst im Flur hing. Ich blieb im Schatten stehen, trat zur Sicherheit noch einen Schritt zurück, weil die Flammen der Feuer, die sie in drei alten Eisentonnen entfacht hatten, immer wieder aufloderten und ihre gelben Strahlen in den Durchgang warfen. Sie züngelten nach mir, wollten mich umschlingen und hineinziehen in das widerwärtige Geschehen.
In der Mitte des Hofes hatte sie ein keltisches Kreuz mit weißer Kreide gezeichnet, in dessen Zentrum sie mit einem in Felle gehüllten Kerl saß, eng beieinander, ihre Beine um sein Gesäß geschlungen. Ich erkannte Michail, einen arbeitslosen Russen aus dem gegenüberliegenden Block. Er war offenbar zu allem bereit, um an meine Mutter heranzukommen, nachdem seine billige Muskelshow im Unterhemd, mit dem er sich jeden Morgen am Fenster reckte und streckte, nichts gebracht hatte und auch sein Angebot unsere Wohnung zu renovieren nicht.
Außer uns wohnten nur noch die achtundneunzigjährige und fast taube Hausbesitzerin und Herr Kerner im Haus, der von Mamas Glucksen sicher nicht gestört wurde. Er stand garantiert hinter den vergilbten Vorhängen seiner Junggesellenwohnung und tat beim Anblick von Mamas Fruchtbarkeitsritualen Dinge, die ich gar nicht wissen wollte.
Zuerst ganz leise, dann anschwellend erhob sich Mamas Stimme: „Feiere das Fest des wiedererwachten Frühlings. Sonne und Erde gehen eine innige Verbindung ein, das männliche und das weibliche Prinzip des Kosmos schließen den heiligen Bund. Von Jul bis Beltane wuchs der Gott der Sonne zum geschlechtsreifen Jüngling und übernimmt nun wieder die Herrschaft über die Zeit. Göttin des Mondes, fruchtbare Jungfrau schaffe nun Neues mit ihm. Die Natur bricht auf, die Sonnenkraft nährt und stärkt uns. Mangel und Sparen weichen dahin und die Natur versorgt uns aus dem Reichtum ihrer Frucht!“
Ich wäre am liebsten zu ihr gesprungen, hätte die Amulette und Federkränze vom nackten Körper gerissen und in die Feuerfässer geworfen und es ihr ins Gesicht geschrien. Fruchtbarkeit? Nichts mit Fruchtbarkeit, sie hatte sich schon vor Ewigkeiten sterilisieren lassen, kurz nachdem sie mich auf die Welt gebracht hatte, weil sie wahrscheinlich nicht noch einen Klotz am Bein haben wollte, weil sie sich ungehindert auf ihre lächerliche Suche nach der Erleuchtung begeben wollte.
„Geile Show“, flüsterte eine Gestalt in der Dunkelheit hinter mir.

Schlagworte: , , , , , , , ,

2 Antworten zu „outtakes. sandra.“

  1. Michael sagt:

    Geniales Buch! Kein Entkommen mehr möglich, gleich wenn man den ersten Satz gelesen hat: „Scheiß was drauf.“ Ein guter Satz, der nicht Gleichgültigkeit ausdrückt, sonderm Mut. Den Mut von Fabian und Mirco, die sich gegen die Welt und die beschissenen Spießer zu stellen. Zwei ehrliche und direkte Typen, die einen manchmal traurig machen und dann wieder zum Lachen bringen. Gut, dass die Story bei den beiden geblieben ist! Sicher hat Sandra auch ihre Geschichte zu erzählen, aber ich denke, das ist eine andere als die von Fabian und Mirco.

  2. Beate sagt:

    Ja Sandra ist sicher ganz toll, aber irgendwie wäre sie im Vergleich zu den anderen beiden nicht zum Zuge gekommen und Nebensache geblieben.

    Für Baby wäre ohnehin kein eigener Strang da gewesen, aber als Charakter find ich sie geheimnisvoll und interessant, man fragt sich, was dahintersteckt, hinter der harten Fassade!

    ———–

    War mir gar nicht so bewusst, dass es bei der Entstehung eines solche Buches soviele und auch umfangreiche outtakes gibt.

    Aber toll ist, dass sie hier doch noch ihren Platz finden.

Eine Antwort schreiben